Haushaltsrede des SPD Fraktionsvorsitzenden Sven Teuber; gehalten in der Stadtratssitzung vom 15.12.2011 in Trier:
“Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,
wir leben nicht über unsere Verhältnisse!
So überschrieb der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Gert Wagner, seinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vor einigen Tagen. Treffender hätte eine Zusammenfassung der Lage der Kommunen nicht sein können. Denn wir stellen zahlreiche Großprojekte zurück, obwohl sie uns weiterbringen würden. Unsere Einschränkungen gehen sogar soweit, dass wir nicht einmal Gelder in die Hand nehmen können, die uns kurzfristig belasten, durch deren Investition wir aber langfristige Ersparnisse erzielen könnten. Und dennoch stehen wir als Kommune am finanziellen Abgrund. Wieso? Zwei Perspektiven will ich hier anführen:
Bei der Rückschau stellen wir fest, dass jahrzehntelang alle politischen Ebenen bezüglich einer nachhaltigen Finanzpolitik versagt haben. Es war leicht mit dem Füllhorn durch die Länder, Regionen und Städte zu ziehen, um sich so Zustimmung zu erarbeiten. Politik hat verteilt, wonach die Bürgerinnen und Bürger fleißig geschrien haben. Die Rechnung ist nun so groß, dass wir sie nicht bezahlen können.
In der Gegenwart agiert die Bundespolitik leider immer noch nicht anders – und auch die Landespolitik hat in einigen Teilen noch Nachholbedarf. Es werden noch immer Gesetze verabschiedet, deren finanzielle Tragweite wir als Kommunen spüren – ohne mitreden zu dürfen.
Das ist noch schlimmer als die Sünden der vergangenen Zeit. Denn die Bundespolitik schaut nur, wie sie selber noch mehr finanzielle Verantwortung auf andere abwälzen kann, um die eigene Schuldenbremse 2016 einhalten zu können. Die Entschuldung der Kommunen spielt keine Rolle! Wir sind pleite. Und dennoch treibt man den Raubbau an der kommunalen Selbstverwaltung munter voran, indem man beispielsweise die Mittel für das Programm Soziale Stadt weiter kürzt und selbst eine nicht so drastische Kürzung noch als großen Erfolg und eine Verbesserung verkaufen will. Das ist doch schizophren!
Wieso lassen wir solchen Unsinn einfach so über uns ergehen? Wir leben doch nicht über unsere Verhältnisse. Warum geißeln wir uns als Kommune also selbst, in dem wir unangenehme Entscheidungen treffen und versuchen, den Haushalt zu konsolidieren? Ganz einfach: Wir Sozialdemokraten plädieren für einen starken Staat. Denn nur finanziell gut situierte Menschen können sich einen schwachen Staat leisten. In diesem Sinne braucht es daher eine größere Unabhängigkeit von Ratingagenturen und anderen Gespenstern der Finanzwelt. Schuldentilgung ist daher kein Selbstzweck, sondern ein Weg zu einem unabhängigeren Agieren der Kommune. Ein Entschuldungsfonds des Landes ist somit ein Mittel, welches wir dankbar annehmen sollten, um diesem Ziel näher zu kommen. Das strukturelle Problem ändert sich jedoch nicht.
Das Ziel ist somit klar die Konsolidierung des Haushaltes, daher müssen wir Ausgaben reduzieren und wir müssen Einnahmen erhöhen. Aber wie?
Für die SPD steht fest, dass wir diesen Weg nur planvoll bestreiten können. Denn eine Konsolidierungspolitik lebt nicht von kurzfristigen, einmaligen Erfolgen, sondern von Strukturveränderungen, die langfristig wirken und so das Defizit drücken können. Hier ist die Verwaltung unter der Leitung unseres Oberbürgermeisters Klaus Jensen auf einem guten Weg.
Ein Beispiel ist die konzeptionelle Umstrukturierung der Verwaltung. Es sind in den letzten Monaten und Jahren mehrere Ämter zusammengelegt worden und Stellen hierdurch weggefallen. Dies geschah unter der Maßgabe inhaltlicher Ziele. So kann die gering bemessene Personalausstattung unserer Trierer Stadtverwaltung besser eingesetzt werden. Wir wollen und wir brauchen eine starke Verwaltung. Ohne sie herrscht Stillstand in der Stadt. Legten wir sie lahm, könnten wir noch so viel beschließen, es würde nichts draus werden. Die SPD erteilt den immer wiederkehrenden Forderungen nach pauschalen Rasenmäherkürzungen daher eine klare Absage.
Vielmehr erwarten wir voller Tatendrang die Vorlage und Diskussion des Personalentwicklungskonzepts im kommenden Jahr. Darüber hinaus sind wir gespannt, was aus unserer Idee der Überprüfung der Controllingstrukturen wird.
Wir plädieren für ehrliche Diskussionen und mutige Entscheidungen über Aufgaben und Standards. Wir als Politik sind gefordert deutlich zu machen, von welchen lieb gewonnenen Dingen wir uns verabschieden wollen und was wir unbedingt weiterhin brauchen. Der bloße Verweis auf eine Aufgabenkritik der Verwaltung ist dabei nur ein laues Lüftchen.
Denn stetig auf Vorschläge anderer zu warten, liebe FWG, wird zu nichts führen. Sie müssen sich schon selber aus der Deckung trauen und Vorschläge machen. Einfach nur gegen eine Absenkung der Temperatur im Nordbad zu sein und gleichzeitig auf Vorschläge der Verwaltung zu Einsparungen zu pochen, damit ist es doch nicht getan.
An uns soll es auch nicht liegen, die Debatte zu Reduzierungen im Bereich der Friedhöfe endlich so zu führen, dass es zu einer wirksamen Veränderung kommt, liebe CDU. An uns soll es auch nicht liegen, sich der Neustrukturierung von Bürgerbeteiligung in den Stadtteilen anzunehmen, statt aus eigener Postenschacherei sich unter öffentlichem Getöse dieser Debatte zu verwehren.
Die SPD steht zu ihrer Verantwortung. Jedoch nach festen Grundsätzen. Mehrere habe ich nun bereits deutlich gemacht, zwei weitere sollen noch folgen.
Bildung, dass ist mittlerweile landläufig bekannt, ist das zentrale Moment für die Entwicklung zu einer gerechten Gesellschaft mit Chancengleichheit. Deutschland ist von diesem, unserem sozialdemokratischen Ideal meilenweit entfernt. Die OECD hat festgestellt, dass in Deutschland die Ausgaben für Bildung, gemessen am BIP, sogar abgenommen haben. Gaben wir 1995 noch 5,1% des BIP für Bildung aus, so waren es 2008 nur noch 4,8%. Der Durchschnitt liegt bei 5,9%. Schlechter als Deutschland schnitten nur Tschechien und die Slowakei ab. Ein Umstand der uns umtreiben muss. Denn hier wird an unserer Zukunft und unserem Fortschritt gespart.
Der vorliegende Haushalt tut dies nicht. So werden für 2012 die Lern- und Lehrmittel an allen Schulformen ausgeweitet, weitere Schulsanierungen, wie in Trier-Nord oder am AVG, eingeplant und mit der Ankündigung der zentralen Fortentwicklung des Schulentwicklungsplanes auch hoffnungsvolle Aussichten geweckt. Die Hoffnung ruht hier jedoch nicht darauf, dass alle Parteien sich einmütig Schulschließungen verwehren. Denn dies wäre weder verantwortlich noch im Sinne einer guten Schulentwicklung. Vielmehr braucht es dringend eines Planes, um durch Schulschließungen benötigte finanzielle Mittel freizumachen, die wiederum zur Stärkung der gesamten Schullandschaft eingesetzt werden müssen. Insbesondere die Trierer IGS braucht hier eine klare Perspektive, um sich noch stärker in das überzeugende vielfältige Schulangebot unserer Stadt eingliedern zu können.
Trier zeigt mit diesem Haushalt auch, dass wir im Bereich der Kitas einen weiteren Schritt gehen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu stärken und Bildung von Anfang an zu ermöglichen. Dies bindet eine enorme Zahl an Finanzmitteln und führt gerade im Personalhaushalt zu extremen Belastungen. Doch wir sind davon überzeugt, dass diese Investitionen in die frühkindliche Bildung langfristig durchschlagende Wirkung zeigen werden. Kurzum: Der städtische Haushalt hat in Bildung einen Schwerpunkt erfahren, der ganz im Sinne einer langfristigen Gesellschafts- und Finanzpolitik ist.
Ähnliches ist mit Abstrichen auch für den Bereich Soziales zu sagen. Hier sind die Wünsche nach Einsparungen einiger Fraktionen immer besonders groß. Dies liegt auch daran, dass im System Bernarding immer wieder finanzielle Möglichkeiten aufgetaucht sind, wenn es um seine Lieblingskinder ging. Und dies war möglich, obwohl der Haushalt schon so eng gestrickt war. Jedoch kann man aus dieser Historie heraus allein keine Möglichkeit des Sparens ableiten. Dass dies von einigen Fraktionen dennoch getan wird, auch weil nicht mehr ihr Mann an der Spitze steht, macht die Sache nicht besser.
Es braucht doch einen tieferen Blick in die Materie. Und hier wird deutlich, dass uns durch den Titel „freiwillige Ausgaben“ leicht suggeriert wird, dass wir doch über unsere Verhältnisse leben. Demzufolge müssten wir hier Gert Wagner und dem DIW widersprechen. Wagner zeigt in dem selbigen Artikel in der SZ jedoch auf, dass wir auch hier nicht dem Überschwang verfallen sind. Deutschland bewegt sich mit seinen 43,6 % des BIP als Staatsquote unter dem Durchschnitt aller EU-Staaten.
Der Raubbau am Sozialstaat muss also aufhören.
Wir sollten uns bewusst sein, dass uns Einsparungen hier in späteren Jahren wie ein Bumerang wieder einholen werden.
Schulsozialarbeiter, Streetworker, Frauenhaus, Jugendarbeit, … – ich könnte diese Reihe noch endlos fortsetzen. Die Botschaft bliebe immer die gleiche: All dies leisten wir uns freiwillig und ist stetig vom Spardiktat bedroht. Für uns als SPD Fraktion ist aber klar, dass wir hier keinen Ansatz sehen, um der Haushaltskonsolidierung einen weiteren Beitrag zu liefern. Wir stehen zu unseren freien Trägern, den Wohlfahrtsverbänden und der sozialen Landschaft in Trier. Ihre Arbeit ist auch finanziell ein wichtiger Beitrag für unsere Gesellschaft. Denn ohne Schulsozialarbeiter, ohne Frauenhaus, ohne Jugendarbeit würden nachsorgende Programme noch stärker genutzt werden müssen und somit im Pflichtbereich die Ausgaben explosionsartig steigen.
Ein Euro im präventiven Bereich steht 1,60 Euro im nachsorgenden Bereich an Kosten gegenüber. Wer hier also glaubt, dass die Haltung der SPD Fraktion reines Sozialgefasel sei, der irrt. Es ist auch aus finanzpolitischer Perspektive angesagt, hier die Ausgaben hoch zu halten, um somit keine weiteren Kostenexplosionen zu evozieren.
Im Verlauf der Haushaltsberatungen kam es auf Vorschlag von Frau Birk, nach Drängen der CDU, zu einer Reduzierung des Ansatzes im Bereich der Pflichtleistungen. Eine Mehrheit hat dieser Vorschlag gefunden, weil auch wir es durchaus als sinnvoll erachten, im Bereich der Pflichtleistungen exaktere Kennzahlen zu erzielen und strategisch auf Entwicklungen zu reagieren, die uns künftig vor extreme Herausforderungen in diesem Bereich stellen werden.
So führt Gert Wagner im besagten Artikel die stetig steigenden Ausgaben für Gesundheit und Pflege in unserer älter werdenden Gesellschaft an. Er folgert hieraus, wie ich meine völlig zurecht, dass dies eine Explosion der Sozialleistungen nach sich ziehen wird, auf die unsere aktuelle Politik nicht vorbereitet scheint. Können wir doch schon jetzt anhand der Planzahlen für die kommenden Haushaltsjahre erahnen, welche Verpflichtungen auf uns zukommen werden. Da dieser Umstand mit der glücklichen Entwicklung eines längeren Lebens zusammenhängt, wollen und müssen wir uns der Sache verantwortungsvoll annehmen und können nicht einfach Sparmaßnahmen anlegen. Es braucht daher auch auf städtischer Ebene grundlegende Reformen, die wir gerne unterstützen wollen. So könnte beispielsweise eine konsequentere Umsetzung des Grundsatzes „ambulant vor stationär“ eine Möglichkeit sein, Kosten zu reduzieren, ohne Leistungen verringern zu müssen.
Uns als Rat muss aber auch klar sein, dass die aktuelle Verringerung der Ansätze durch steigende Fallzahlen schnell konterkariert und ein Nachtragshaushalt notwendig werden kann.
Abschließend bleibt mir, nach dem Blick auf ausgewählte Ausgabenposten, noch der Blick auf die Einnahmeseite.
Hier hat eine Kommune natürlich nur wenige Stellschrauben an denen sie drehen kann. In diesem Jahr ist die Erhöhung der Gewerbesteuer das zentrale Moment. Sie ist ein wichtiger Beitrag, um in dem bereits erwähnten Kommunalen Entschuldungsfonds dabei sein zu können und Trier somit eine Schuldentilgung von über 160 Millionen Euro zu ermöglichen. Damit trägt die Wirtschaftskraft der Unternehmen anteilig erheblich dazu bei, dass wir ein stückweit mehr Handlungsfähigkeit durch geringere Kredit- und Zinslasten bekommen. Wir meinen, ein richtiger Schritt des Oberbürgermeisters, den die SPD unterstützt. Die weitere Entwicklung wird davon abhängig sein, welche Politik der Bund bestreitet, um die Kommunen handlungsfähiger zu machen. Für die SPD steht fest, dass dies ohne die Erhöhung der Steuern nicht gehen kann. Denn nur ein starker Staat kann sich den Herausforderungen stellen, die auf ihn zukommen. Daher folgen wir dem Votum des Vorsitzenden des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der in der Süddeutschen Zeitung vom 5. Dezember schreibt: „Es gibt durchaus Spielraum für Steuererhöhungen, die die Wirtschaft nicht abwürgen.“
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir als SPD Fraktion werden gerne auch im kommenden Jahr unangenehme Themen anpacken, diskutieren und entscheiden. Ich habe deutlich gemacht anhand welcher Grundsätze wir arbeiten und sie uns als verlässliche Partner sehen dürfen. Der vorliegende Haushalt gibt uns die Möglichkeit, trotz der Neuverschuldung von 52 Millionen Euro, eine richtige Entwicklung zu erkennen. Wir sind weiterhin als Stadt gefordert, damit wir unserer Verantwortung gerecht werden. Wir stimmen dem Haushalt zu.”